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Ted Joans
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"Im Frühjahr 1960,
zum Beginn eines Jahrzehnts, das wie kein anderes seit der Jahrhundertwendezu
einem explosiven kulturellen Experimentierfeld werden sollte,
hatten die Beats den Weg bereitet: Sie hatten ihre Visionen
und Halluzinationen gehabt, ihre Experimente mit Haschisch,
Marihuana, Morphium und Heroin, sie hatten sich auf sexuellen
Praktiken eingelassen, die in ihren Heimatländern vielleicht
illegal, sicher aber verpönt waren. Unter dem Dach des
Beat-Hotels hatten sie die Pfade vorgezeichnet, auf denen die
Sixties-Generation sich in den nächsten Jahren bewegen
sollte - die psychedelischen Experimente, das Erforschen von
Mystik und Magie, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Es
war noch nicht 'sex & drugs & rock 'n' roll', aber ihre
Experimente waren wie eine Blaupause dessen, was kommen sollte." |
Vom Spätherbst 1957 bis Anfang der sechziger Jahre beherbergte
ein kleines, im Pariser Künstlerviertel Quartier Latin gelegenes
Hotel den harten Kern der Beatgeneration. Allen Ginsberg war mit
seinem Freund Peter Orlovsky vor dem Medienrummel um die "beatniks"
nach Paris geflohen, Gregory Corso hatte sich angeschlossen und
ein paar Monate später kam William Burroughs aus Tanger hinzu.
Für sie alle wurde das kleine Hotel der Madame Rachou zu einem
mächtigen Katalysator: Ginsberg schrieb und konzipierte hier
seine schönsten und besten Gedichte nach "Howl/Geheul",
Burroughs wurde durch die Zusammenarbeit mit seinem Malerfreund
Brion Gysin und der Entwicklung der Cut-Up Methode zu einem eigenständigen
und originären Autor, und Corso schrieb in den Pariser Jahren
jene Texte, die ihn als Dichter etablieren sollten.
In den 40 winzigen Zimmern des Hotels, die höchst spartanisch
eingerichtet waren, wohnte eine bunt gemischte, internationale Truppe
von Malern, Dichtern, Musikern und Lebenskünstlern. Sie alle
wurden von der günstigen Zimmermiete, aber auch von der Umgebung
des Hotels magisch angezogen: Kleine und große Cafés,
günstige Restaurants und Kneipen, die Jazz-Keller, die Bouquinisten
am Seine-Ufer und viele kleine Antiquariate - ein Schmelztiegel
der Intention und Inspiration.
Für Ginsberg war es besonders sein intensiver Kontakt mit der
europäischen Kultur, der seinen Horizont in jeder Hinsicht
erweiterte. Mit dem Reiseführer in der Hand erkundete er die
Sehenswürdigkeiten von Paris, Straßen, Plätze, Museen
und besonders die Cafés (im Select schrieb er die Eingangssequenz
von Kaddish, im Deux Magot diskutierte er mit Tristan Tzara über
Zen-Buddhismus und Dada), besuchte Apollinaires Grab ( sein Gedicht
"An Apollinaires Grab" gehört zu seinen bekanntesten
und populärsten) und suchte den Kontakt mit französischen
Schriftstellern. Zusammen mit Gregory Corso besuchte er mehrfach
Céline, mit Henri Micheaux hatte er einen intensiven Austausch
über Drogenerfahrungen, bei einem Essen lernte er die großen
Dadaisten und Surrealisten kennen, u.a. Max Ernst, Andre Breton,
Man Ray und Benjamin Peret. Als er allerdings - eine spontan dadaistische
Geste - Marcel Duchamp die Knie küßte und seine Schuhe
essen wollte war dieser überhaupt nicht amüsiert...
William Burroughs wurde in den Jahren im Beathotel zum Autor. Mit
dem Material, das er aus Tanger mitgebracht hatte, stellten er und
Ginsberg in endlosen Arbeitssitzungen "Naked Lunch" zusammen,
und nach ebenso endlosen Verhandlungen fand sich Maurice Girodias
bereit, das Buch in der Olympia Press zu verlegen (allerdings erst
nachdem Corso gedroht hatte, er würde ihm sonst auf den Teppich
kotzen). "Naked Lunch" begründete Burroughs' Ruhm,
und die Romane, die diesen festigen sollten, schrieb er zwischen
1958 und 1963 im Beathotel. Zusammen mit dem Maler und Schriftsteller
Brion Gysin entwickelte er dort die Cut-Up-Methode, die für
sein Schreiben in den nächsten 15 Jahren bestimmend sein sollte.
"The Beat Hotel" schildert dieses "magische Intermezzo"
in der Geschichte der Beatgeneration mit einem bisher nicht gekannten
Detailreichtum, und Barry Miles belegt Leben und Arbeiten im Hotel
mit Briefen und Tagebucheintragungen, die vor dem Tod von Ginsberg
und Burroughs offenbar noch nicht freigegeben waren. Dabei wird
ganz nebenbei auch der eine oder andere Mythos entzaubert: Allen
Ginsberg, der Guru der homosexuellen Emanzipation, hatte schon damals
und auch später noch emotionale und erotische Verbindung zum
anderen Geschlecht. Und William Burroughs ist eben nicht der ewige
Junkie, der im Vollrausch ein Dutzend genialer Bücher in die
Schreibmaschine hackte, sondern ein genau recherchierender und beobachtender
Chronist seiner Zeit.
Barry Miles zeichnet aus biografischen und zeitgeschichtlichen Fakten
und vielen Anekdoten ein farbiges und detailgenaues Bild, das dem
Leser immer wieder das Gefühl gibt, den Geschehnissen direkt
beizuwohnen. Kleinere Exkurse wie der zur Tradition der Bohème-Hotels
in Frankreich und "Kurzbiografien" von Ginsberg, Burroughs,
Corso und Gysin stellen historische Zusammenhänge heraus und
machen das Buch zu einem idealen "Einsteiger"-Titel für
die immer wieder nachwachsenden Beat-Afficionados, in dem auch der
"Kenner" einiges Neue findet.
Einen
Textauszug von "The Beat Hotel" finden Sie hier.
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Grove Press, Juni 2000,
268 Seiten plus Bibliografie und Quellenverzeichnis,
4 Seiten Bildteil mit 20 Abbildungen.
Barry
Miles, The Beat Hotel |