Harold Chapman

Erster Besuch bei Gregory Corso im Beat Hotel

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Als ich das heruntergekommene Café betrat, stürzte sich sofort eine kleine, schrille, grauhaarige Frau auf mich, die mich feindselig ansah und dabei einen Schwall völlig unverständlicher französischer Laute von sich gab. Ich hielt ihr ein Stück Papier entgegen, zeigte auf die Worte und sprach gleichzeitig laut und deutlich: »G r e g o r y C o r s o«. Sie hielt den Zettel in Armeslänge von sich, blinzelte kurzsichtig und plötzlich ging ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht. Sie drückte das Blatt an ihre Brust, kreischte »Ahhhh, le petit Monsieur Corso-o-o-o!« und haspelte eine endlose und komplizierte Beschreibung herunter, die mir zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus ging. Dabei stieß sie ihren Zeigefinger mehrfach so hoch als möglich in die Luft woraus ich schloss, dass er im allerobersten Stockwerk wohnte.

Ich ging einen stockdunklen Gang hinunter, wobei ich mich an der Wand entlang tastete. Was für ein merkwürdiger Ort, nirgends ein Lichtschimmer. Es gab zwar Lichtschalter, aber die funktionierten nicht. Schließlich erreichte ich eine Treppe – die erste echt französische Treppe, die ich sah. Bisher kannte ich so etwas nur aus drittklassigen Filmen, aber auch damit war das hier nicht recht zu vergleichen; das hier schien eher Grimms Märchen oder einem Frankenstein-Film zu entstammen. Alles war in einem schmutzig-schmierigen Grau angepinselt, aber ich konnte ja eh nichts sehen, es war zappenduster. Das Fenster war zerbrochen und schmutzig, wahrscheinlich jahrelang nicht geputzt. Die Wände hatten Risse, die Farbe blätterte ab, und das Treppenhaus schraubte sich nach oben wie in das merkwürdige astrale Licht eines zarten Landschaftsbildes von Dalí hinein.

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Stock um Stock stieg ich höher und erreichte schließlich das, was wie die letzte Etage aussah ... und hier wurde es wirklich kompliziert. Denn dies war nicht wirklich das letzte Stockwerk - darüber erstreckte sich eine Konstruktion, die irgendwie dorthin gequetscht worden war, um noch ein paar Franc mehr aus diesem Bau herauszuholen. Zwei Türen waren zu erkennen, aber wie dorthin gelangen? Ich bückte mich und ging, mehr auf Händen und Knien, auf einer Galerie weiter, musste – um nicht auch an eine Delle zu stoßen, die die Köpfe der Besucher in den letzten 200 Jahren hier geschaffen hatten – noch tiefer gebeugt unter einem Geländer durch, um auf die Treppen zu der Tür zu gelangen, die jener, die ich erreichen wollte, gegenüber lag. Von dort aus konnte ich auf die Treppen zu meiner Tür und kam dort mit den Augen auf Schlüssellochhöhe an. Ich versuchte, hindurchzuschauen, aber es war wohl mit Absicht verhängt. Oder jemand hatte einfach seinen Mantel von Innen an die Tür gehängt.

Wie dem auch sei, es stank fürchterlich nach Pisse, wie im ganzen Hotel. Dieser furchtbare Geruch kam hinter Türen hervor, die sich auf jeder Etage dieses runden Lochs von einem Treppenhaus befanden. Nicht zu vergessen, dass es außerdem noch jede Menge andere, exotische Gerüche gab, die durch die Schlüssellöcher der Zimmertüren nach außen drangen: köstliche orientalische Gerüche, und Bratendunst. Ja man konnte sogar die Bratgeräusche hören, und hier oben, wo ich mich befand, war dieser Geruch am stärksten, die Luft brodelte. Aber das Essen roch wirklich gut, wie ein Aroma, das man manchmal auffängt, wenn man hinter teuren Hotels entlanggeht. Köstlich. Aber fremd. Warum schien hier jeder zu kochen? Warum gab es so viele verschiedene Kochdünste? Ich hätte erwartet, auf das unverkennbare Aroma der französischen Küche zu stoßen, das auch auf der Straße zu bemerken gewesen war. Aber hier roch es Chinesisch, und – kaum zu glauben – auf dem Weg nach oben war mir aufgefallen, dass vor einer der Türen ein erotischer Perlenvorhang hing, wie er vor allen orientalischen Bordellen hängt, zumindest vor den Bordellen der Warner Brothers. Und eines der Fenster war mit einem roten Vorhang verdeckt, voller chinesischen Schriftzeichen. Und man stelle sich vor: Auf der einen Seite des Treppenhauses waren alle Fenster mit unheilschwangeren Gitterstäben versehen, wie Gefängniszellen; einige der Fenster standen halb offen, andere waren fest geschlossen und offensichtlich übermalt und verdunkelt. Es war wirklich ein heruntergekommener Laden, die Treppenstufen grau und ausgetreten, die Fußböden ausgebleichte, gesprungene rote Fliesen.

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Die Zimmernummer war ungelenk in schwarzer Schablonenschrift aufgebracht, die Tür selbst in einem trüben Schlachtschiffgrau gestrichen und übersät von verblasstem Bleistiftgekritzel. Ich klopfte. YEAH, NUR HEREIN. Ich öffnete die Tür, das Zimmer war unglaublich. Es war genau so, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte, diese Dachzimmer für hungernde Dichter; es war noch besser als im Film, besser sogar als bei Henry Miller. Der ganze Raum war eine einzige Schräge, sogar der Boden; ein dicker brauner Balken lief über die Decke, an ihm hing ein wächserner, angeschlagener Gipsengel. Alles war in einem trüben Braunrot gestrichen, sogar der Fußboden war braunrot; gesprungene Fliesen. Die Wände waren mit Postkarten der Bilder alter Meister bedeckt. Der Beistelltisch wurde von einem Karton nach Da Vinci und einer zersprungenem Glasplatte zusammengehalten; darauf stand ein hell erleuchteter Globus.

Die einzig andere Lichtquelle war die traditionelle nackte Glühbirne; sie sah nach 25 Watt aus, aber der Fliegenschiss nahm ihr einen Teil der Leuchtkraft. Ein bisschen Licht drang noch durch ein Dachfenster, aber nicht sehr viel. An den Hauptraum schloss sich eine schmale, hohe Kammer an, die von einem Fenster abgeschlossen wurde; der Rahmen war morsch und verzogen, und wenn die Scheiben geputzt gewesen wären, hätte hier sogar noch mehr Licht hereinkommen können – schade... Ich warf einen schnellen Blick auf den Belichtungsmesser: 1/10 Sekunde bei Blende 1,5. Ich hatte nur die Contax mit dem 50mm Objektiv dabei - was alles wäre mit einem Weitwinkel möglich gewesen, kaum auszudenken. Auf dem Tisch standen ein paar Flaschen. War ich der einzige Besucher? Vielleicht. Er trug ein weißes Hemd und saß wie Buddha auf dem Eisenbett. Ich schaffte es, mich in eine Ecke zu quetschen, und nach dem ganzen Gewäsch über mich, dich, warum, wie, aus welchem Grund und überhaupt war ich entspannt und sah ihm einfach zu. Gottseidank redete er. Über alles mögliche, alles unter der Sonne. Großartig. Seine Hände fuhren durch die Luft wie die eines kinoversessenen Franzosen nach einer brandaktuellen Premiere, herrlich. Ich verschoss einen ganzen Film, dann fragte ich ihn, ob ich einfach mit ihm herumlaufen und fotografieren dürfe, wenn mir danach war... Wir gingen ...

Alle Fotos: H. Chapman, Paris 1957/58
Deutsch von Michael Kellner

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