Die letzten Tage des Beat Hotels

Die Lämpchen gehen an und aus

... Und so ging diese fruchtbare Periode der Beatgeschichte ihrem Ende entgegen. Es mag scheinen, daß das Leben im Beathotel besonders extreme Formen des Experimentierens und Erforschens gefördert hat, aber letztendlich war genau dieses ein Charakteristikum aller Beats. Die Beat-Autoren der ersten Stunde hatten eine Vorliebe für außergewöhnliche und unerprobte Schreibstile, die sie sodann vehement als die einzig mögliche Art zu schreiben proklamierten. Für Kerouac war es die "Spontane Prosa"; er glaubte, daß beim Schreiben die Worte direkt von Gott kämen, und daß es deshalb ein Sakrileg sei, sie zu verändern, selbst wenn seine Texte zu einem amphetamingetriebenen Gebrabbel wurden. Burroughs war gleichermaßen unnachgiebig in seiner Einschätzung: Cut-Up war der einzige Weg, die Sprache von den repressiven Kontrollsystemen zu befreien, die ihr selbst innewohnten. Ginsberg wiederum schlug - mit seinen Atem-langen Zeilen und dem Versuch, die menschliche Stimme in ihrer ganzen Emotionalität zu erfassen - eine Schneise so breit wie eine Stadtautobahn durch die konventionelle Lyrik. Doch er empfand sich selbst durchaus als "normal" verglichen mit Gregory Corso, der ein langes Gedicht über jeglichen Gegenstand schreiben konnte, von Haaren bis hin zur Atombombe: Die Beats erschlossen die ganze Welt als mögliches Thema in Literatur und Kunst. Im Hotel beschrieb Kaja Johnston sogar die Schalttafel, mittels der Madame Rachou den Stromverbrauch in den Zimmern überwachte: "Die Lämpchen gehen an und aus. / Verbrauchst du zu viel, leuchtet die Lampe auf."

Ein Autor braucht Freunde

Das Beathotel hatte auf jeden einen anderen Einfluß. Für Burroughs brachte es den Beginn seines Lebens als professioneller Autor. Seine vorherigen Bücher, Junkie und Queer, waren noch konventionell erzählt und er hatte sie auf Ginsbergs Drängen hin geschrieben, aber sein Umzug nach Paris 1958 durchtrennte die Nabelschnur, die ihn mit diesem verband. Allen war noch immer sein Lektor, sein Förderer und eifrigster Verteidiger, aber die emotionale Verbindung lockerte und löste sich dann endgültig. Erst durch Brion Gysin begann er, sich in erster Linie als Autor zu verstehen. Gysins uneingeschränkte Unterstützung, sein Enthusiasmus und seine Bewunderung ermöglichten diese Veränderung: Bill fing an zu arbeiten, er arbeitete hart, und er tat dies bis zum Ende seines Lebens. Er brauchte diese Unterstützung und konnte am besten arbeiten, wenn er einen Assistenten hatte, jemanden, mit dem zusammen er arbeiten konnte. Nach Gysin waren dies Ian Sommerville, dem James Grauerholz folgte, und viele andere Freunde, die im Laufe der Jahre dieses oder jenes beisteuerten. Im Beathotel befreite Burroughs sich von seiner psychischen Abhängigkeit von anderen und wurde zu einem Schriftsteller.

Schreiben im Beat Hotel

Als Burroughs im Dezember 1962 aus dem Beathotel auszog, hatte er fünf Bücher geschrieben, von denen eines, Queer, erst 1985 publiziert werden sollte. 1962 brachte Grove Press Naked Lunch in den Vereinigten Staaten heraus, aber da war Burroughs schon auf dem besten Weg, in seiner Heimat zu einer Kultfigur zu werden. Grove ließ 1964 Nova Express folgen und publizierte anschließend im Zweijahresrhythmus The Soft Machine und The Ticket That Exploded. Burroughs blieb derweil in seinem selbstgewählten Exil und kehrte erst 1974 nach New York zurück - er hatte 25 Jahre in der Fremde verbracht. Als er 1997 starb, hatte er siebzehn Romane geschrieben, mehrere Filmscripts und eine Reihe von kleineren Arbeiten veröffentlicht, seine literarischen Essays umfassten zwei und seine ausgewählten Briefe drei Bände. Hinzu kam eine zweite Karriere als Maler, dessen Werke von Galerien in aller Welt ausgestellt wurden; außerdem hatte er mehr als ein Dutzend Schallplatten aufgenommen und war für seine öffentlichen und Auftritte in Film und Fernsehen gefeiert worden.

Gregory Corso und Paris

Gregory Corso blühte in Paris regelrecht auf. Dort konnte er "Der Dichter" sein, der in seidener Pelerine und mit silberbeschlagenem Spazierstock die Damenwelt hofierte. Er wurde zu einer byronschen Figur von eigenen Gnaden - Captain Poetry - ohne das entsprechende Vermögen, versteht sich. In Paris wurden Dichter und Schriftsteller noch respektiert, und das Beathotel wurde zu der Basis, von der aus Corso operierte, ein englischsprachiger Himmel. Der Stil seiner Gedichte wurde lockerer und er entwickelte sich zu einem echten Poeten. Sein durchtriebener Humor schien durch jede Zeile von "Marriage" und "Hair", und auch für seine längeren ernsthaften Texte, die sich - wie schon die Titel "Power", "Police" und "Army" zeigen - mit dem Thema Autorität auseinandersetzen, fand er eine entsprechende Form. Sein Gedichtband The Happy Birthday of Death, der den größten Teil seiner im Beathotel geschriebenen Gedichte enthält, ist bis heute sein bekanntestes Buch und erlebte mehr als ein Dutzend Auflagen. In Europa fühlte er sich wohl und in den folgenden Jahrzehnten hielt er sich immer wieder längere Zeit in Italien, Griechenland und England auf. Ginsberg hat ihn einmal als einen "Dichter für Dichter" bezeichnet, und obwohl Corso niemals Allens Bekanntheitsgrad erreichte, hat er doch ein umfangreiches Werk hervorgebracht: Der kürzlich erschienene Band seiner "ausgewählten Gedichte" mit dem Titel Mindstorms umfasst 268 Seiten und enthält je ein Vorwort von Ginsberg und Burroughs.

Allen Ginsberg und Paris

Allen Ginsberg war wohl derjenige, der von Paris am wenigsten beeinflußt blieb. Für ihn war Paris der bestmögliche Zufluchtsort vor der wachsenden Aufmerksamkeit, die die Medien in den USA der Beatgeneration entgegenbrachten. In Paris entdeckte er die europäische Avantgarde für sich, mußte unglücklicherweise aber wieder nach New York, gerade als er angefangen hatte, die Personen hinter den legendären Namen kennenzulernen. Es ist müßig zu spekulieren, ob ihn weitere Treffen zu einem weniger amerikazentrierten Weltbild oder mehr literarischem Raffinement geführt hätten. Mit Sicherheit aber war Ginsberg während der Zeit im Beathotel auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und hier entstanden einige seiner schönsten Gedichte. Zudem zog es ihn sein Leben lang immer wieder nach Paris und er wurde ein regelmäßiger Gast der Literatur- und Kunstfestivals der Stadt. In späteren Jahren äußerte er häufig den Wunsch, mal ein ganzes Jahr in Paris verbringen zu wollen, um die kulturellen Seiten der Stadt besser kennenzulernen und einen anderen Blickwinkel auf die Weltpolitik zu bekommen. Leider konnte er dieses Vorhaben nie verwirklichen.

Ginsberg in den 1960ern und 1970ern

Nachdem er zwei Jahre mit Peter Orlovsky in Indien verbracht hatte, kehrte Allen Ginsberg in die USA zurück; dort wurde er zu einer einflußreichen Figur der sich gerade formierenden Hippiebewegung und Aktivist vieler politischer Kampagnen, etwa zur Legalisierung von Drogen oder der Antikriegsproteste. 1971 wandte er sich dem tibetischen Buddhismus zu, ein Schritt, der seine poetische und politische Arbeit in neue Richtungen lenkte und der deshalb von seinen Lesern und Kritikern nicht immer goutiert wurde. Sein zunehmender Bekanntheitsgrad führte im Laufe der Jahre dazu, daß er ständig auf Reisen war und zu einer Art Gesandter der Gegenkultur wurde, der seine Botschaft von Liebe, Dichtung, Anarchie und Meditation in praktisch jedem Land der Erde verbreitete. Zum Zeitpunkt seines Todes war er der wahrscheinlich bekannteste Gegenwartsdichter Amerikas.

Brion Gysin

Als das Beathotel seine Pforten schloß, kehrte Brion Gysin nach Tanger zurück und schrieb dort The Process, einen hochgelobten Roman, der seine literarische Reputation begründete. Er blieb in Marokko bis 1973 und bezog dann in London eine Wohnung am Dalmeny Court auf der Duke Street Saint James', wo auch schon Burroughs und Anthony Balch wohnten. Dort arbeiteten die drei monatelang intensiv an einem Filmscript zu Naked Lunch; als dieses Projekt sich nicht realisieren ließ, kehrte Brion nach Paris zurück, wo er bis zu seinem Tod 1986 lebte und sich ganz der Malerei widmete. Trotz einiger Ausstellungen blieb er in der Pariser Kunstwelt weiterhin ein Außenseiter - er hätte sich, wie er selber einmal sagte, doch besser auf eine Karriere konzentrieren und dabei bleiben sollen. Die Verleger sahen in ihm einen Künstler, die Kunsthändler einen Autor oder einen Gastronom oder einen Performancekünstler oder Drehbuchschreiber oder Dichter oder - gegen Ende seines Lebens - Rock-'n'-Roll-Künstler. Er war, noch bevor irgend jemand wußte, was das eigentlich ist, ein Multimediakünstler, mit allem, was dazugehört, und damit seiner Zeit weit voraus.

Kurz vor seinem Tod vollendete Gysin seinen Roman The Last Museum, an dem er zwanzig Jahre lang mehr oder weniger ernsthaft gearbeitet hatte, und mit dem er dem Beathotel ein unsterbliches Denkmal setzte. Im Roman wird das Hotel zum Bardo des Tibetischen Totenbuches, und Madame Rachou führt es im Auftrag seiner unsichtbaren tibetischen Besitzer. Raum für Raum wird das Hotel nach Kalifornien verschickt, wo es von einem fiktiven Getty Museum an den Hängen des San Andreas Grabens wiederaufgebaut wird, um irgendwann ins Vergessen zu stürzen. Als The Last Museum schließlich publiziert wurde, war das Beathotel bereits 23 Jahre geschlossen, das Interieur herausgerissen, die Zimmer umgebaut und die Fassade bis zum ersten Stockwerk komplett erneuert worden.

Das Ende

Das Hotel in der rue Git-le-Cœur 9 schloß endgültig im April 1963. William Burroughs erinnert sich an den Tag, als Madame Rachou und Mirtaud, die Hotelkatze, das Haus verliessen: "Im Hotel gab es eine graue Katze, die Madame gehörte. Nachdem sie das Hotel aufgegeben hatte, blieb sie in der Straße wohnen, praktisch schräg gegenüber. Sie sah sehr traurig aus, wie so häufig, wenn Menschen sich zur Ruhe setzen. Sie hatte Geranien vor den Fenstern, eine vom Alter graue Haut und eine alte graue Katze und irgendwie verblasste sie einfach ..."

Deutsch von Michael Kellner.

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