Michael Schumacher, Allen Ginsberg

Eine kritische Biographie

Kaum zu glauben, dass das alles schon so lange her sein soll: Vor fast 60 Jahren treffen in New York drei junge Möchtegernschriftsteller aufeinander, die außer ihren bis dato sehr unterschiedlichen Lebensläufen eine Sehnsucht, ein Ziel gemeinsam haben: Die Suche nach einer neuen Vision, einer Vision vom Leben, von der Erfahrung der Wirklichkeit. Jeder der drei wird in den nächsten Jahrzehnten seine Suche auf ganz eigene Art und Weise durchführen, und die literarischen Werke, die dabei entstehen, werden ebenso unterschiedlich sein. Aber jeder der Drei wird mit Werk und Leben die Zeitläufe beeinflussen, ja prägen, und diese Prägungen wirken bis heute – daran liegt es vielleicht, daß diese Geschichte so fern und doch so nah erscheint. Warum aber diese Wirkung von der Beatgeneration und ihren drei Hauptprotagonisten Jack Kerouac, William S. Burroughs und Allen Ginsberg ausgegangen ist und wie sie wirkte, kann man in vielen Punkten nachvollziehen anhand der Allen Ginsberg-Biographie von Michael Schumacher, die 1999 auf Deutsch in einer leicht gekürzten Fassung erschien.

Hauptwerke der Beat Generation

Von den drei genannten war es Ginsberg, der die genaueste Vorstellung von dem entwickelte, was die Beatgeneration war und was sie wollte, der eine Öffentlichkeit dafür herstellte und vor dieser Zeit seines Lebens für eine „neue Vision" und die Literatur, die diese transportierten, eintrat. Ihm hatten seine Freunde Kerouac und Burroughs die Publikation ihrer wichtigen frühen Werke zu verdanken, und auch die Veröffentlichung seines Gedichtes "Howl" im Jahr 1956 setzte Zeichen: Dieser radikale, höchst persönliche (und, wie die dreißig Jahre später veröffentliche kommentierte Fassung der einzelnen Arbeitsphasen zeigte, poetisch genau komponierte) Aufschrei gegen die bigotte Selbstzufriedenheit des McCarthy-Amerika der fünfziger Jahre, zog unmittelbar die Aufmerksamkeit der staatlichen Organe auf sich. „Howl" formulierte nicht nur die persönliche Befindlichkeit seines Autors, sondern den Gemütszustand all jener, die ein entsprechendes Unbehagen an Politik und Kultur des Nachkriegsamerika spürten. Ginsberg poetische Kritik am seelenlosen Moloch der Industriegesellschaft, der auch noch die letzten persönlichen Freiräume und Ideale auffrisst, bereitete den Boden für das, was in den Sechzigern als Underground oder Alternativkultur den bislang letzten revolutionären Impuls im westlichen Kulturkreis ausmachte. Kerouacs Roman „On the Road", das Monument eines schon damals verwehenden Traums von Freiheit auf den Straßen Amerikas, gab das Zeichen zum Aufbruch (Kerouac „schrieb eine Generation"), und William S. Burroughs halluzinierend gebrochenen Wirklichkeiten nahmen vorweg, dass die Vorstellung eines freien und gerechten Amerika, eben der „amerikanische Traum", im Inferno des Vietnamkrieges endgültig untergehen sollte. 

Engagement und Politik

In welchem Maße Allen Ginsberg in diese Prozesse, zunächst noch zögerlich, aber über die Jahre immer gezielter agierend, involviert war, zeigt Michael Schumachers kenntnis- und detailreiche Biographie. Ginsbergs Engagement, ja zeitweilig besessenes Eintreten für alle inneren und äußeren Befreiungsbewegungen und gegen die kleinen und großen Diktatoren dieser Welt wird in seiner ganzen Breite erst jetzt deutlich. Sei es Ökologie, Bewusstseinserweiterung (ob mittels Drogen oder Meditation), Schwulen- oder Bürgerrechtsbewegung, Anti-Kriegsdemonstrationen, die Propagierung einer neuen visionären Poesie: Allen Ginsberg lieh all diesen Bewegungen seine Stimme, und nicht selten war es diese Stimme, die sie überhaupt wirklich und wahrnehmbar werden ließen. 

Auf Grund der Kritik an der amerikanischen Gesellschaft und seiner nicht minder offen gelebten Homosexualität wurde Ginsberg schnell zur Zielscheibe der Ermittlungen von FBI und CIA, die er schon seit Ende der fünfziger Jahre mit eigenen Ermittlungen über die Aktivitäten der Geheimdienste im kulturellen Leben konterte: Auf Lesungen, bei Interviews und Auftritten, wann immer sich Möglichkeiten boten versuchte er, Öffentlichkeit herzustellen und wies darauf hin, dass sich die Geheimdienste längst zur (un)heimlichen vierten Macht im Staate entwickelt hatten. Dies galt aber nicht nur für Amerika: Seine Reise in die Tschechoslowakei im Jahr 1965, seine Wahl zum „König des Mai" durch die Prager Studenten (was seine prompte Verhaftung und Ausweisung zur Folge hatte) setzten erste Akzente, die heute als erste, zarte Vorboten des Prager Frühlings zu gelten haben – Vaclav Havel, mit dem Ginsberg seit jenen Tagen befreundet war, hat mehrfach auf diese Verbindung hingewiesen. Es war Ginsberg, der Anfang der Siebziger versuchte, die Spirale der Gewalt zwischen Anti-Kriegsgegnern und Staatsgewalt anzuhalten, indem er Kissinger im Weißen Haus anrief und ihm ein Treffen mit den führenden Köpfen des Peace-Movements vorschlug (das zu seinem Bedauern nicht zustande kam). Und als er Ende der Achtziger als erster amerikanischer Dichter zu einem offiziellen Besuch in die Volksrepublik China eingeladen wurde, versuchte er auch dort, an den offiziellen Stellen vorbei mit den Studenten ins Gespräch zu kommen, befragte sie über ihre persönlichen Lebensumstände. 

Bob Dylan, John Lennon und Kronos Quartett

Aber ob, wie kurz umrissen, in der Politik, in der Musik (Bob Dylan bezeichnete ihn immer als seinen poetischen Mentor, mit den Beatles, besonders John Lennon, war er seit frühen Londoner Tagen befreundet, später trat er mit den Clash und Patti Smith auf und noch kurz vor seinem Tod veröffentlichte das Kronos-Quartett eine Vertonung von "Howl"), der Ökologie (die Forderung nach einem behutsamen Umgang mit allen Lebewesen und Kräften dieses Planeten findet sich schon ab Mitte der fünfziger Jahre in den Texten der Beatgeneration), einer neuen und gelebten Spiritualität: Immer lagen Ginsbergs Interessen da, wo es um bewusste und positive Veränderung ging, und um ihren gelebten und poetischen Ausdruck.
Bei all diesen Aktivitäten war und blieb Allen Ginsberg vor allem immer eines, er blieb Dichter. Seine langen Gedichte „Howl" und „Kaddish" gehören zum Kanon der Literatur dieses Jahrhunderts, und „Sunflower Sutra" ist eines der am häufigsten in amerikanischen Anthologien vertretenen Gedichte. Politische Erfahrungen und Aktivitäten waren immer Ausgangspunkt seiner Texte: In „Kral Majales" beschreibt er die Prager Erlebnisse von 1965. Mit „Der Untergang Amerikas" entwarf er eine poetische Topografie der USA, wie sie vorher nur William Carlos Williams mit „Paterson" für Ginsbergs Heimatort zu schreiben versucht hatte. Der Umfang seiner „Collected Poems", in der Ausgabe von 1985 knapp eintausend Seiten, zeugt von einer reichen Produktion, und bis 1997 kamen noch zwei weitere Bände mit Gedichten sowie ein soeben erschienener Nachlassband hinzu. 

Die Biografie

Michael Schumacher hat in den acht Jahren seiner Recherche Freunde und Feinde Ginsbergs ausgiebig interviewt und erwähnt im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe, dass sogar seine Gegner dessen außerordentliche Menschenfreundlichkeit ausdrücklich würdigten (in Ginsberg-nahen Kreisen wurde nicht selten von „Mama Ginsi" gesprochen). Außerdem konnte sich Schumacher uneingeschränkt im sehr umfangreichen Archiv Ginsbergs bewegen (zu dessen Marotten es gehörte, keinen Zettel oder Zeitungsausschnitt jemals wegwerfen zu können), und beides kommt seiner Biographie in jeder Hinsicht zugute. So kann er schon bekannteren Geschichten und Anekdoten immer wieder um Textzitate, Fragmente und Gedichte aus Ginsberg Tage- und Notizbüchern ergänzen – ein nicht unbeträchtlicher Fundus wenn man bedenkt, dass Ginsbergs veröffentlichte Texte nur etwa ein Prozent des von ihm niedergeschriebenen Materials umfasst! Überraschend deutlich werden dabei auch zum ersten Mal Ginsbergs schon in den frühen Sechzigern auftretende Selbstzweifel an seinem politischen Engagement und der Politik der Linken überhaupt, auch wenn er keine Alternative dazu sah. Nicht nur hier geht die Biographie, wenn auch behutsam, durchaus kritisch mit ihrem Gegenstand um. Auch Ginsbergs über dreißig Jahre andauernde Verbindung mit Peter Orlovsky, in den Sechzigern als eine offen gelebte Beziehung das Aushängeschild der Schwulenbewegung, wird in ihrer Problematik und letztendlichen Ungleichgewichtigkeit ausführlich dargestellt. Außerdem ergänzt Schumacher seine Darstellung um Portraits wichtiger Mitstreiter und Freunde Ginsbergs (wie z. B. den Verleger der City Lights Books, Lawrence Ferlinghetti) oder skizziert die Voraussetzungen und Umstände folgenreicher Begegnungen, wie den ersten Treffen mit Timothy Leary oder Chögyam Trungpa, Ginsberg buddhistischem Lehrer in den siebziger und achtziger Jahren – ein sinnvolles Verfahren, das wesentlich zum Verständnis von Zusammenhängen und Zeitkolorit beiträgt 

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