|
|
|
Diane Di Prima,
Nächte in New York
Erotische Erinnerungen
Nachwort von Michael Kellner:
Meine Affäre mit den Memoirs of a Beatnik begann beim Babysitten.
Ich hatte einem Freund versprochen, seine Katze zu versorgen, während
er im Urlaub war; aus alter Gewohnheit ließ ich meinen Blick über
die Bücherregale schweifen und blieb bei Diane Di Prima hängen.
Die kannte ich nur als Lyrikerin, und so war ihr Roman in mehrfacher
Hinsicht eine Überraschung: zum einen, daß sie überhaupt einen geschrieben
hatte, und zum anderen der Inhalt. So unverblühmt und gleichzeitg
zärtlich hatte ich noch nie über Sex gelesen, aber das war nicht
alles. Ebenso unverblühmt und zärtlich war in diesem Buch von Aufbruch
die Rede, von unerhörten Entdeckungen, von der Erkundung New Yorks
und der Erkundung des eigenen Körpers, von großartiger Musik und
vom Widerstand gegen eine übermächtig erscheinende gesellschaftliche
Realität.
Das Buch, das ich Ende der Siebziger Jahre zum ersten Mal in der
Hand hielt, galt als Porno – war in einem pornografischen Verlag
erschienen und strotzte nur so von „Stellen". Aber die Autorin ging
behutsam mit ihren Protagonisten um und spielte sie nicht gegeneinander
aus. Nicht die Frage, wer oben oder unten liegt (die Frage der Herrschaftsverhältnisse)
war entscheidend, sondern wie miteinander und mit dem Genre umgegangen
wurde; eine unbändige erotische Entdeckerfreude ging Hand in Hand
mit der Demontage des klassischen pornografischen Romans bis zu
dem Punkt, an dem Diane di Prima ihr Publikum mit Wunsch und Wirklichkeit
konfrontierte: Ich weiß genau, was ihr lesen wollt, hier ist es
– aber so war es wirklich.
Und Wirklichkeit gibt es in diesem Buch bei aller Fiktionalisierung
zuhauf. Es ist die Realität der amerikanischen Gesellschaft Mitte
der Fünfziger Jahre, deren reaktionär-konservativer Muff jegliche
Abweichung von der (klein)bürgerlichen Norm abstraft, wenn sie sich
nicht in irgend einer Form kommerziell nutzen läßt (nur ein toter
Rebell ist ein guter Rebell: mit dem Indianer hatte das auch schon
geklappt, und James Dean erfüllte dieses Muster perfekt). Dem hat
die junge Boheme jener Tage wenig mehr als die pure Lebenslust,
den Jazz in jedem Sinne entgegenzusetzen, bis sich plötzlich eine
Stimme erhebt, die zum Fanal, zum Weckruf wird: „Ich sah die besten
Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört hungrig hysterisch nackt
/ im Morgengrauen durch Negerstraßen irren auf der Suche nach einer
tüchtigen Spritze ...".
Wie Allen Ginsbergs Gedicht Howl bei seinem Erscheinen auf die
Zeitgenossen wirkte, kann eindrücklicher als hier nicht beschrieben
werden, und auch die doppelte Bedeutung des Wortes BEAT („This is
a beat generation", Jack Kerouac) – glückselig und geschlagen –
wird in diesem Roman deutlich. Daß Ginsberg und Kerouac in einer
kurzen Episode zu Protagonisten dieses Buches werden, ist also nicht
verwunderlich, aber ebensowenig ausschlaggebend wie der Umstand,
daß sich der Stil der sexuellen Libertinage der Sechziger Jahre
verdankt. Entscheidend ist, daß sich jede Generation ihre Freiheiten
und ihre Identität erkämpfen will und muß – Diane Di Primas „erotische
Erinnerungen" geben dabei auch heute noch ein sowohl sinnliches
als auch ermutigendes Beispiel.
|
|
Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner. 210
Seiten, geb., Euro 13,80
ISBN 3-8077-0178-8
Erhältlich bei Zweitausendeins
JANUAR 2003:
Für die TAZ
hat Frank Schäfer eine sehr fundierte und lesenswerte Besprechung
über "Nächte in New York" geschrieben.
PERLENTAUCHER.DE
fasst diese und die ZEIT-Besprechung noch einmal zusammen.
Reinhard Hellings Besprechung finden Sie
hier.
Weitere Besprechungen: In neue
szene, und noch (?) nicht online der ZEIT Literaturbeilage
zur diesjährigen Buchmesse.
|