![]() |
Allen Ginsberg – Eine kritische Biographie von Michael Schumacher
|
||||
|
Kaum zu glauben, daß das alles schon so lange her sein soll: Vor gut 50 Jahren treffen in New York drei junge Möchtergernschriftsteller aufeinander, die außer ihren bis dato sehr unterschiedlichen Lebensläufen eine Sehnsucht, ein Ziel gemeinsam haben: Die Suche nach einer neuen Vision, einer Vision vom Leben, von der Erfahrung der Wirklichkeit. Jeder der drei wird in den nächsten Jahrzehnten seine Suche auf ganz eigene Art und Weise durchführen, und die literarischen Werke, die dabei entstehen, werden ebenso unterschiedlich sein. Aber jeder der Drei wird mit Werk und Leben die Zeitläufe beeinflussen, ja prägen, und diese Prägungen wirken bis heute – daran liegt es vielleicht, daß diese Geschichte so fern und doch so nah erscheint. Warum aber diese Wirkung von der Beatgeneration und ihren drei Hauptprotagonisten Jack Kerouac, William S. Burroughs und Allen Ginsberg ausgegangen ist und wie sie wirkte, kann man in vielen Punkten nachvollziehen anhand der Allen Ginsberg-Biographie von Michael Schumacher, die in diesem Frühjahr auch auf Deutsch erschienen ist. Von den drei genannten war es Ginsberg, der die genaueste Vorstellung von dem entwickelte, was die Beatgeneration war und was sie wollte, der eine Öffentlichkeit dafür herstellte und vor dieser Zeit seines Lebens für eine „neue Vision" und die Literatur, die diese transportierten, eintrat. Ihm hatten seine Freunde Keroauc und Burroughs die Publikation ihrer wichtigen frühen Werke zu verdanken, und auch die Veröffentlichung seines Gedichtes "Howl" im Jahr 1956 setzte Zeichen: Dieser radikale, höchst persönliche (und, wie die dreissig Jahre später veröffentliche kommentierte Fassung der einzelnen Arbeitsphasen zeigte, poetisch genau komponierte) Aufschrei gegen die bigotte Selbstzufriedenheit des McCarthy-Amerika der fünfziger Jahre, zog unmittelbar die Aufmerksamkeit der staatlichen Organe auf sich. „Howl" formulierte nicht nur die persönliche Befindlichkeit seines Autors, sondern den Gemütszustand all jener, die ein entsprechendes Unbehagen an Politik und Kultur des Nachkriegsamerika spürten. Ginsberg poetische Kritik am seelenlosen Moloch der Industriegesellschaft, der auch noch die letzten persönlichen Freiräume und Ideale auffrißt, bereitete den Boden für das, was in den Sechzigern als Underground oder Alternativkultur den bislang letzten revolutionären Impuls im westlichen Kulturkreis ausmachte. Kerouacs Roman „On the Road", das Monument eines schon damals verwehenden Traums von Freiheit auf den Straßen Amerikas, gab das Zeichen zum Aufbruch (Keroauc „schrieb eine Generation"), und William S. Burroughs halluzinierend gebrochenen Wirklichkeiten nahmen vorweg, daß die Vorstellung eines freien und gerechten Amerika, eben der „amerikanische Traum", im Inferno des Vietnamkrieges endgültig untergehen sollte. In welchem Maße Allen Ginsberg in diese Prozesse, zunächst noch zögerlich, aber über die Jahre immer gezielter agierend, involviert war, zeigt Michael Schumachers kenntnis- und detailreiche Biographie. Ginsbergs Engagement, ja zweitweilig besessenes Eintreten für alle inneren und äußeren Befreiungsbewegungen und gegen die kleinen und großen Diktatoren dieser Welt wird in seiner ganzen Breite erst jetzt deutlich. Sei es Ökologie, Bewußtseinserweiterung (ob mittels Drogen oder Meditation), Schwulen- oder Bürgerrechtsbewegung, Anti-Kriegsdemonstrationen, die Propagierung einer neuen visionären Poesie: Allen Ginsberg lieh all diesen Bewegungen seine Stimme, und nicht selten war es diese Stimme, die sie überhaupt wirklich und wahrnehmbar werden ließen. Auf Grund der Kritik an der amerikanischen Gesellschaft und seiner nicht minder offen gelebten Homosexualität wurde Ginsberg schnell zur Zielscheibe der Ermittlungen von FBI und CIA, die er schon seit Ende der fünfziger Jahre mit eigenen Ermittlungen über die Aktivitäten der Geheimdienste im kulturellen Leben konterte: Auf Lesungen, bei Interviews und Auftritten, wann immer sich Möglichkeiten boten versuchte er, Öffentlichkeit herzustellen und wies darauf hin, daß sich die Geheimdienste längst zur (un)heimlichen vierten Macht im Staate entwickelt hatten. Dies galt aber nicht nur für Amerika: Seine Reise in die Tschechoslowakei im Jahr 1965, seine Wahl zum „König des Mai" durch die Prager Studenten (was seine prompte Verhaftung und Ausweisung zur Folge hatte) setzten erste Akzente, die heute als erste, zarte Vorboten des Prager Frühlings zu gelten haben – Vaclav Havel, mit dem Ginsberg seit jenen Tagen befreundet war, hat mehrfach auf diese Verbindung hingewiesen. Es war Ginsberg, der Anfang der Siebziger versuchte, die Spirale der Gewalt zwischen Anti-Kriegsgegnern und Staatsgewalt anzuhalten, indem er Kissinger im Weissen Haus anrief und ihm ein Treffen mit den führenden Köpfen des Peace-Movements vorschlug (das zu seinem Bedauern nicht zustande kam). Und als er Ende der Achtziger als erster amerikanischer Dichter zu einem offiziellen Besuch in die Volksrepublik China eingeladen wurde, versuchte er auch dort, an den offiziellen Stellen vorbei mit den Studenten ins Gespräch zu kommen, befragte sie über ihre persönlichen Lebensumstände. Aber ob, wie kurz umrissen, in der Politik, in der Musik (Bob Dylan bezeichnete ihn immer als seinen poetischen Mentor, mit den Beatles, besonders John Lennon, war er seit frühen Londoner Tagen befreundet, später trat er mit den Clash und Patti Smith auf und noch kurz vor seinem Tod veröffentlichte das Kronos-Quartett eine Vertonung von "Howl"), der Ökologie (die Forderung nach einem behutsamen Umgang mit allen Lebewesen und Kräften dieses Planeten findet sich schon ab Mitte der fünfziger Jahre in den Texten der Beatgeneration), einer neuen und gelebten Spiritualität: Immer lagen Ginsbergs Interessen da, wo es um bewußte und positive Veränderung ging, und um ihren gelebten und poetischen Ausdruck. Bei all diesen Aktivitäten war und blieb Allen Ginsberg vor allem immer eines, er blieb Dichter. Seine langen Gedichte „Howl" und „Kaddish" gehören zum Kanon der Literatur dieses Jahrhunderts, und „Sunflower Sutra" ist eines der am häufigsten in amerikanischen Anthologien abgedruckten Gedichte. Politische Erfahrungen und Aktivitäten waren immer Ausgangspunkt seiner Texte: In „Kral Majales" beschreibt er die Prager Erlebnisse von 1965. Mit „Der Untergang Amerikas" entwarf er eine poetische Topografie der USA, wie sie vorher nur William Carlos Williams mit „Paterson" für Ginsbergs Heimatort zu schreiben versucht hatte. Der Umfang seiner „Collected Poems", in der Ausgabe von 1985 knapp eintausend Seiten, zeugt von einer reichen Produktion, und bis 1997 kamen noch zwei weitere Bände mit Gedichten sowie ein soeben erschienener Nachlaßband hinzu. Michael Schumacher hat in den acht Jahren seiner Recherche Freunde und Feinde Ginsbergs ausgiebig interviewt und erwähnt im Vorwort zur amerikanischen Ausgabe, daß sogar seine Gegner dessen außerordentliche Menschenfreundlichkeit ausdrücklich würdigten (in Ginsberg-nahen Kreisen wurde nicht selten von „Mama Ginsi" gesprochen). Außerdem konnte sich Schumacher uneingeschränkt im sehr umfangreichen Archiv Ginsbergs bewegen (zu dessen Marotten es gehörte, keinen Zettel oder Zeitungsausschnitt jemals wegwerfen zu können), und beides kommt seiner Biographie in jeder Hinsicht zugute. So kann er schon bekannteren Geschichten und Anekdoten immer wieder um Textzitate, Fragmente und Gedichte aus Ginsberg Tage- und Notizbüchern ergänzen – ein nicht unbeträchtlicher Fundus wenn man bedenkt, daß Ginsbergs veröffentlichte Texte nur etwa ein Prozent des von ihm niedergeschriebenen Materials umfaßt! Überraschend deutlich werden dabei auch zum ersten Mal Ginsbergs schon in den frühen Sechzigern auftretende Selbstzweifel an seinem politischen Engagement und der Politik der Linken überhaupt, auch wenn er keine Alternative dazu sah. Nicht nur hier geht die Biographie, wenn auch behutsam, durchaus kritisch mit ihrem Gegenstand um. Auch Ginsbergs über dreissig Jahre andauernde Verbindung mit Peter Orlovsky, in den Sechzigern als eine offen gelebte Beziehung das Aushängeschild der Schwulenbewegung, wird in ihrer Problematik und letztendlichen Ungleichgewichtigkeit ausführlich dargestellt. Außerdem ergänzt Schumacher seine Darstellung um Portraits wichtiger Mitstreiter und Freunde Ginsbergs (wie z. B. den Verleger der City Lights Books, Lawrence Ferlinghetti) oder skizziert die Voraussetzungen und Umstände folgenreicher Begegnungen, wie den ersten Treffen mit Timothy Leary oder Chögyam Trungpa, Ginsberg buddhistischem Lehrer in den siebziger und achtziger Jahren – ein sinnvolles Verfahren, das wesentlich zum Verständnis von Zusammenhängen und Zeitcolorit beiträgt. Leider und nur bedingt nachvollziehbar hat aber ein ganzer Teil dieses Materials den Sprung über den Atlantik nicht geschafft. Zwar hat der Autor dankenswerterweise das in Amerika 1992 erschienen Buch für die deutsche Ausgabe um die Jahre bis zu Ginsbergs Tod 1997 ergänzt, war gleichzeitig jedoch gehalten, Streichungen vorzunehmen, die sich unter dem Strich auf ca. zwanzig Prozent der Originalausgabe summieren und bei genauer Betrachtung als durchaus substantiell erweisen. Den (sicher von ökonomischen Erwägungen bestimmten) Schnitten sind besonders die kleinen, vertiefenden Episoden, Zitate und vermeintlichen "Abschweifungen" zum Opfer gefallen, die das Buch selbst für Kenner Ginsbergs interessant machen; auch werden viele Texte und Gedichte aus den nicht veröffentlichten Tagebüchern den deutschen Lesern vorenthalten und das Portrait von Ferlinghetti fehlt ebenso wie die Schilderung von Ginsbergs privaten Kontaktversuchen in China. Daß die Übersetzung sich häufig ungelenk an der amerikanischen Vorlage entlangholpert würde vielleicht weniger auffallen, wenn dabei manchmal nicht unfreiwillige Komik entstehen würde: keineswegs „förderte" Chögyam Trungpa „eine Kombination aus Erholungszentrum und Seminar", sondern er „übernahm die Schirmherrschaft über ein kombiniertes Lehr- und Meditationsseminar". Nicht nachvollziehbar auch, daß ein wesentlicher Teil von Ginsberg Poetologie in der deutschen Ausgabe nicht „sichtbar" wird: Alle zitierten Gedichte kommen stur linksbündig daher, so als gäbe es bei Ginsberg keine umlaufende Langzeile, die auf dem Atem aufbaut, keine Einzüge, Einrückungen, keinen bewußten auch optischen Aufbau des Textes – wie wichtig Ginsberg diese Gestaltungselemente waren, ist wiederum der kommentierten Howl-Ausgabe zu entnehmen, und ihr Fehlen eine grobe Nachlässigkeit. Eine mehr als unangenehme Enttäuschung aber erlebt jeder Leser, der sich – aus Neugierde oder Forscherdrang – informieren will, woher der Autor diese oder jene Information bezogen hat, welcher Text aus welcher Quelle stammt oder wo zu bestimmten Ereignissen mehr zu erfahren sein könnte: das ausführliche Quellenverzeichnis der Originalausgabe wurde ersatzlos gestrichen. Natürlich ist die Publikation eines Buches von 620 Seiten Umfang ein verlegerisches Risiko, besonders für einen kleineren Verlag ohne Anbindung an eine finanzkräftige Verlagsgruppe – aber was soll eine Biografie, die zudem mit dem Anspruch, eine „kritische" zu sein, via Buchumschlag wirbt, ohne nachvollziehbare und nachprüfbare Offenlegung der Informationsstruktur, auf die sie aufbaut? Ohne diese bleibt die vorliegende Biografie letztendlich ein, zweifellos immer wieder in vielfacher Hinsicht interessantes, Geschichtenbuch – aber alle, die mehr wissen oder das vorgelegte Material im Rahmen wissenschaftlicher Arbeiten nutzen wollen, müssen wieder auf die Originalausgabe zurückgreifen. Als Käufer und Leser gehen sie der deutschen Ausgabe letztendlich verloren. Es ist gut, daß es eine ausführliche Schilderung von Leben und Werk Allen Ginsbergs jetzt auch auf Deutsch gibt; man hätte dem Dichter allerdings gewünscht, daß dies unter etwas glücklicheren und niveauvolleren Umständen als den geschilderten geschieht. Michael Kellner |
Michael Schumacher Aus dem Amerikanischen von Bernhard Schmid.
Hannibal Verlag, 1999.
Michael Schumacher bei der Präsentation von "Dharma Lion" (so der Originaltitel des Buches) im Amerikahaus Kiel, Juli 1999. |
|||
| Schicken Sie eine Email an [editionkellner(et)gmx.de] |
| |